Anja Millen

7 sins - Neid

7 sins - Neid

Neid
Er lutschte belanglos an der gelben Perle, so als ginge ihn das alles nichts an. Seine Finger, gleich Krallen, gruben sich in das grobe Sackleinen seiner ausgebeulten Hosen. Er stand nun schon seit Stunden, seit das Tageslicht die ersten Strahlen auf den Marktplatz geworfen hatte, hier in der Kälte und wartete. Er hasste sie dafür. Dafür, dass er hier wartete, dass er an seiner gelben Perle lutschte, hasste sie, dass er spürte wie sich der Stoff seines verdreckten, ehemals weißen Hemdes begann an seinen, von Arbeit und ständigem Hunger ausgemerzten, Oberkörper zu legen. Der Morgennebel kroch durch seine Hosenbeine und durch die Lumpen die einst einmal Schuhe gewesen waren.

Sie, Elene, hatte ihn verzaubert schon beim ersten Mal als er ihr Antlitz sah und ihr goldenes Haar, das sich ab und an gar zu vorwitzig unter ihrer Haube hervortraue. Er erinnerte sich an den Moment als sie vom Wagen stieg und er das Brennholz, das ihr Vater geordert hatte, in den Schuppen schleppte. So anmutig schritt sie durch das hohe Tor und ihr Lachen klang wie Musik in seinen Ohren, die weißen Zähne schimmerten verborgen hinter ihren blutroten Lippen. Immer wieder begann er fortan um das Haus zu lungern, trieb sich in den Gassen herum, nur um sie zu sehen. Nachts in seiner Hütte beherrschte sie seine Träume und füllte seine Einsamkeit. Er wusste, dass seine Liebe zu ihr gleichsam einseitig wie widrig war und doch hoffte er. Er hungerte tagelang um ihr in frühster Morgenstunde einen Strauss gebundene Veilchen auf die Schwelle der Türe zu legen. Sie sah ihn nicht. Er hoffte, dass seine Stunde kommen würde und sie kam. An diesem Mittag als er gerade den letzten Sack Mehl ausgeliefert hatte, sah er von weitem ihren Wagen wie er schräg in dem Graben vor der kleinen Brücke hing. Er eilte so schnell es ging zu ihr und sah, dass eines der Räder sich gelöst hatte und die kleine Böschung zum Flausbach heruntergerollt war. Flink sprang er hinunter und hob das Rad auf seinen Rücken, schwer unter der Last gebeugt kroch er den Hang wieder hinauf. Er konnte nicht umhin sie anzustarren und freundlich lächelte sie ihm zu und bedankte sich mit überschwänglichen Worten. Er konnte den Wagen nicht reparieren und so, da sie ohne Begleitung ausgefahren war, bat er ihr an sie zurück zu geleiten, denn es schickte sich wahrlich nicht, dass eine Frau ihres Standes alleine durch die Gassen ging. Sie schien erfreut über sein Angebot und er ging vor dem Wagen in die Knie, so dass sie über seinen Rücken aussteigen konnte. In dem Moment hörte er das Getrappel von Pferdehufen die sich in Eile näherten und vor ihm anhielten.
Oh Fräulein Elene, hat dieser Lump euch belästigt? Ein vornehm gekleideter älterer Herr stand vor ihm und ehe er sich versah gab er ihm einen Tritt, so dass er bis unter den Wagen rollte. Ein tiefes, sonores Lachen erklang und ihr Glockenhelles stimmte mit ein. Sie fuhren gemeinsam davon, seine Liebe und sein Hass. Wochen später hörte er von der bevorstehenden Vermählung der Beiden. Standesgerecht.
Es verzehrte ihn ein Feuer, das zu löschen er nicht imstande war. Auch der viele Met den er genoss nicht hindern konnte mehr und mehr von ihm Besitz zu ergreifen. Ja, so war Sie, seine Elene, das Weib dieses reichen Gutsherrn geworden, der ihr Vater hätte sein können.

Er schrak aus seinen Gedanken hoch, aus den Augenwinkeln beobachtete er wie immer mehr Menschen auf den Platz strömten und die Geräusche des lebendigen Treibens zu ihm drangen. In Kürze schon würde der Platz voll sein, voll mit pikierten Damen die sich nicht scheuten, um ihrer voyeuristischen Schaulust nachzukommen, neben dem Abschaum der Gassen zu stehen. Ihre weißen Tücher, über und über mit Spitze verziert, vor ihre abgepuderten Näschen haltend um dann dennoch ab und an mit einem theatralischen Seufzer in die Arme ihres galanten Begleiters zu sinken, auf das er ihnen das Riechsalzfläschchen unter die Nase hielt. Die zu eng geschnürten Mieder taten ihr übriges um ihnen die Luft zu rauben. Angewidert zog er aus und spuckte auf den festgestampften Lehmboden. Die wird’s auch noch erwischen, dachte er.

Die Perle klackerte in seinem Mund hin und her, stieß an die wenigen Zähne die ihm noch geblieben waren. Ja, wenn der Bader zweimal im Jahr vorbei kam, da waren sie gleich, reich und arm, schön und hässlich. Die Schreie unterschieden sich nicht und die Behandlung auch nicht. Selten bequemte der alte Quacksalber sich zu ihnen nach Hause und so mussten sie auf das kleine Podest hoch und vor den Zuschauern ihre Zähne lassen, während die jungen Helfer den Pöbel mit fliegenden Bällen und Jonglagen unterhielten.

Es wurde Zeit näher an den großen Reisighaufen zu gehen, dessen Zweige sich skurril wie schwarze Nattern um den angebrachten Pfahl in der Mitte des Richtplatzes wanden. Viele Bauern waren aus den umliegenden Ortschaften an diesem Morgen nach Lemgo(1) gekommen, endlich gab es nach langer Zeit der Ruhe wieder eine Hexenverbrennung im Hexennest. Cothman(2), der Bürgermeister, war in die Jahre gekommen. Er beschäftigte sich lieber mit seiner Brut und ließ die Steuern eintreiben. Bei ihr machte er wohl eine Ausnahme, zu rentabel war es doch, da dieses verfluchte Hexenpack nach seiner Aburteilung durch die Inquisition auch die Kosten des Prozesses zu tragen hatte. Da sollte schon ein fetter Sack gefüllt mit Gulden in Cothmans Truhe landen. Er seufzte, wie gerne hätte er mit seiner schmutzigen Hand dort einmal zugegriffen und sich seine Beutel gefüllt.

Er leckte sich über die Lippen und kurz blitzte die gelbe Perle hervor, bevor er sie wieder mit seinem übel riechenden Speichel benetzte und in seinem Mund tanzen ließ. Neben ihm standen einige Huren, schrill und bunt angemalt lachten sie ohne Unterlass. Ihre Kleider, bestickt mit dem gelben Saum der sie als Huren kennzeichnete. Der Scharfrichter stand bereits neben dem Richtplatz und legte einige Fackeln auf den Boden, schaute in seine Richtung und nickte den Weibern kurz zu. Ihr Tochterhaus unterstand ihm und brachte ihm einen einträglichen Gewinn. Ein Raunen ging durch die Menge die sich in Richtung Osten zweiteilte um eine Gasse zu bilden. Immer lauter werdendes Gejohle drang an seine Ohren und er stellte sich auf seine Zehenspitzen um besser sehen zu können. Schemenhaft sah er in der Ferne langsam den Wagen heranrollen, gezogen von zwei Gefangenen die mit dicken Eisenbändern um Hals, Hand- und Fußgelenke versehen waren.
Dann sah er sie.
Ihr langes Haar wehte leicht im Wind, umschmeichelte ihr Gesicht und ihre Brüste die sich unter dem grauen Büßerhemd abzeichneten. Sein Atem ging vor Erregung schneller. Nervös rollte er die gelbe Perle auf und ab über seine Zunge. Er sah ihre Augen. Wie sie in’s Leere starrten, als sähe sie in der Weite etwas, das zu erreichen alle Anstrengungen wert sei. Die Schimpfrufe wurden immer lauter und Mistbrocken flogen auf den vorüber ziehenden Wagen. Eier trafen sie und Kuhfladen ebenso wie Pferdeäpfel. Brenn! Schrie es wie aus einem Munde tausendfach. Satanshure brenn! Und er schrie mit. Als sie auf seiner Höhe angelangt war sah er eine einzelne Träne ihre Wange entlang gleiten. Dann eine Regung in ihr als sie Lotha, ihren Mann, in den Reihen der Schaulustigen erblickte, doch er wandte den Blick ab und zeigte seine Verachtung.

Sie hatte es verdient, oh ja, dachte er bei sich und ihr Ehemann gleich dazu. Wochen und Monate hatte er gelitten unter der Verschmähung seiner Liebe, unter den Tritten dieses Dreckskerl. Klagte sein Leid in den Schankräumen und erntete Lachen. Bis er Mathilda traf.
Sie stand nachts in langem, dunklen Samtüberwurf gehüllt vor seiner Hütte. Stattlich und edel bat sie mit leiser Stimme, die kein Nein zuließ, um Einlass. Sie erzählte ihm in kurzen Worten das sie von seinem Liebesleid gehört hatte, die Dienerschaft munkle so allerlei und versorge sie mit dem Klatsch und Tratsch des Gesindes. Ihre Augen glühten schier in der Dunkelheit und sie kam recht schnell zum Grunde ihres Besuches. Lotha, war der Mann den sie ehelichen wollte, bis, ja bis Elene sein Herz eroberte. Jung und schön, rein und unschuldig, mit ihrem engelgleichen Liebreiz.
Mathilda spie die Worte fast hinaus. Nun würde die Zeit eilen, noch sei kein Nachfolger geboren, der die Güter einst übernehmen würde und dazu solle es auch nicht kommen.
Sie öffnete den Beutel aus bestickter Seide, der lose an der silbernen Kordel um ihre Taille hing, schüttelte seinen Inhalt auf den fleckigen, wurmstichigen Tisch. Eine gelbe, fast goldene Perle rollte heraus und hielt vor seinem Krug inne. Mathilda senkte die Stimme und wies ihn auf den Wert dieses Juwel hin. All seine Sorgen, seine Armut seien bis an sein Lebensende und darüber hinaus auch das seiner Nachfolger gesichert. Es würde keine Mühe machen diese Perle in Münzen, gar Gold zu tauschen, er müsse ihr nur diesen kleinen Dienst erweisen. Mittlerweile sprach sie so leise, dass er sich zu ihr beugen musste um die Worte zu verstehen. Heinrich Instit sei in der Stadt, der Inquisitor aus Trier, dessen großes Vorbild Thomas de Torquemada(3) war, um Cothman zu besuchen. Nun sei es seine Aufgabe das Gerücht zu streuen Elene sei eine Hexe.
Er sah die Perle ruhig schimmernd in seiner Hand liegen, spürte die Tritte und hörte ihr Lachen als der Wagen davon fuhr und er im Dreck lag, erniedrigt und beschmutzt seiner Herkunft. Er willigte in den Handel ein.
Fortan trug er sie in seinem Mund, sicher vor all den Halunken, dem Abschaum des Abschaums.

Es war ein leichtes hier und da bei Dienerschaften zu erzählen man munkle Elene sei mit dem Satan im Bunde. Man habe sie gesehen wie sie des Nächtens auf einem schwarzen Bock zum Danzplatz(4) ritt. Man hätte gehört wie sie die Bäckersfrau verfluchte, da das Brot verbrannt gewesen sei, und diese daraufhin ihr Neugeborenes an einer schrecklichen, unbekannten Krankheit verloren hatte. Bald tuschelte es durch alle Strassen und Gassen, in jeder Schenke war es eine Unterhaltung und die Gaukler spielten auf dem Marktplatz Stücke die Elene und den Teufel bei der Paarung zeigten. Es war nur noch eine Frage der Zeit bis sie abgeholt wurde. Die Inquisition begann und die öffentliche Anhörung wurde zum Spektakel. Doch all ihr Leugnen, all ihr Klagen und auch all der Reichtum nutzen nichts. Die Folter brachte es aus ihr heraus und sie gestand mit dem Gehörnten im Bunde zu sein. Er hatte bei ihrer Verurteilung ganz hinten an der Wand gestanden, die Perle lag kühl in seinem Mund und er ergötzte sich am Leid des Lotha, der gehörnte Mann einer Hexe.
Bald würde er selbst in einem Wagen sitzen, vornehm und ehrbar, vergessen wird sein das er in einer elenden Hütte hauste. Bald würde er sich aufmachen nach Hamburg und dort seine Perle zu Münz machen. Ein zufriedenes Grinsen zog sich über sein Gesicht.

Die laute Stimme des Inquisitor, ließ ihn aus seinen Gedanken hochschrecken. Er sah das Elene mittlerweile an den Pfahl gebunden war. Die goldenen Locken hingen traurig in ihrem Gesicht, ihr einst so unbeschwertes Lächeln schien zu einer Fratze der Angst geworden zu sein. Nervös wippte er gleich einer Manie vor und zurück. Ja, dachte er, nun ist sie dahin, deine Schönheit, dein Reichtum den ich nie besaß. Er verfolgte wie der Scharfrichter die Pechfackeln anzündete und an seine Burschen verteilte. Die Menge schrie vor Erwartung auf fast schien es als sei sie ein Meer, dessen Wellen mit Schaumkronen aus Speichel nach vorne wogten. Schon züngelten die ersten Flammen gierig durch das Reisig und machten sich auf den Weg die Spitze zu erklimmen. Ein Knacken und Knistern und alles verstummte, wartete. Schon begann das Bild Elenes hinter einem milchigen Vorhang der flimmernden Hitze zu verzerren, ihr Schrei zerriss das Vakuum. Ein orgiastisches Jubeln echote über den Richtplatz.
Dann geschah das Unfassbare. Elene zerbarst, zersprang wie ein gerissener Tonkrug der mit siedendem Öl gefüllt wurde. Es kam zu unerwartet, zu plötzlich als das er und die anderen die nahe um den Scheiterhaufen standen hätten zurückspringen können. Getroffen von Blut und Eingeweiden, besudelt und beschmutzt standen sie regungslos.

Schwarzpulver, so wurde später gesagt, wurde ihr unter das Hemd genäht. Das Hemd das man ihr gestattete aufgrund ihres Ranges anzulassen.

Als die Sekunden der Ohnmacht, des Unglaubens vorbei waren und ein erboster Aufschrei aus vielen Hälsen über den Flammenberg hinwegheulte, öffnete er die Augen wieder und spuckte leise tröpfelnd die Reste der zerbissenen Perle auf den Boden.



1) Lemgo: Stadt in Nordrhein-Westfalen im Regierungsbezirk Detmold

2) Cothman Hermann (1667-1683) Bürgermeister von Lemgo, unter ihm erlangte die Hexenverfolgung einen traurigen Höhepunkt und Lemgo bekam den Namen Hexennest.

3) Thomas de Torquemada erster spanischer Großinquisitor. Er übertraf alle kirchlichen Henker an Blutgier und Grausamkeit, indem er innerhalb von 18 Jahren über 100.000 Menschen richtete, sie lebendig oder symbolisch (in effigie) verbrannte oder einem der insgesamt etwa 9000 Autodafés unterzog. (Quelle: http://www.eckhart.de/begriffe.htm)

4) Danzplatz ist der angebliche Ort für Treffen und Versammlungen der Hexen / Hexer, er befindet sich in nächster Nähe der Stadt/Ortschaft, oft auf einem Hügel.