Anja Millen
7sins - Wollust
7sins - Wollust
Pe72 gab die Spracheingaben mit langsamer und ruhiger Stimme ein. Zum wiederholten Male akzeptierte mother5 nicht die letzten zwei Befehle und sie begann geduldig mit der Fehlersuche. Es war 52.47.1 und Zeit um ihre Prottabs zu nehmen, da sie heute noch in den VisiRob musste. Sie zerbiss die Kautabletten und trank das ionisierte Wasser aus dem Spender in der Ecke des Labors. Rog32 kam um die Ecke und lächelte ihr freundlich zu, so wie man immer jedem freundlich zu lächelte.Es gab nicht mehr viele Emotionen die sich auf den Gesichtern der Menschen zeigten.
Sie hatte im Archiv, im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Arbeiten an mother5, Bilder visualisiert die aus dem zweiten Jahrtausend stammten. Schmerzen, Leid, Trauer, Ärger und viele andere Ausdrücke beherrschten die Mimik der AtoMenschen. Sie hatte mit Interesse und wachsender Verwunderung die Veränderungen durchblättert die das Atomzeitalter mit sich gebracht hatte. So viele energieverschwendende Regungen. Heute war das freundliche Lächeln allgegenwärtig und wurde selten abgelöst von einem ernsten Ausdruck unter hochkonzentrierter Arbeit.
Bioökonomie war das Schlagwort ihres Jahrtausends und mit ihr waren auch jegliche Emotionen, Gefühle unterdrückt. Gefühle die für Krieg und Unfrieden sorgten in früheren Epochen. Selbst Partnerschaften waren nun mehr eine Symbiose, geistige Legierungen ohne körperliche Nähe.
Zum Zwecke eines effizienteren Gedankenaustausches wurden entsprechende Chips miteinander gekoppelt um die gegengeschlechtlichen Synapsen zu paaren.
Nachnamen waren seit Generationen abgeschafft worden. Es war eine Dateneinsparung die global einem jährlichen Energieverbrauch eines Großmetradukts nachkam. Sie hatte oft bei den Archivbesuchen die Evolution des letzten Jahrtausends studiert, es war hilfreich zur Weiterentwicklung und Programmierung von mother5. Selten, da es zu zeitintensiv war, recherchierte sie bis zum Anbeginn zurück. Sie hatte sich Filme angeschaut, Lexika ihrem Chip eingespielt und wunderte sich jedes Mal mehr, wie die Menschheit unter der Bürde der Emotionen solange hatte bestehen können.
Körperliche Nähe war ihr fremd, sowie allen anderen Menschen. Weder Zeit noch Energie wurden missbraucht um sich solch überflüssigen Begegnungen zu widmen, die zudem oft in unproduktiven Gefühlen endeten; früher gar in Krankheiten, Armut, Hass und Zorn ihren Höhepunkt erreichten. Einmal in der Trikade wurden sie von mother5 aufgefordert in den VisiRob zu gehen um dort ihren Trieben nachzugeben. Der Rat hatte schon vor Jahrhunderten beschlossen diese nicht durch Hormonabgaben zu unterdrücken und somit Eingriffe in die Bioökonomie zu erlauben, sondern durch gezielt - gesteuertes Erleben abzubauen. Der Zeitraum einer Trikade war dabei eher großzügig bemessen und genügte um nach dem Besuch jegliches Gleichgewicht wieder herzustellen.
Noch 0.8 tics und sie würde sich auf den Weg zum VisiRob machen der sich im 1. Stock von Prylab befand. Sie ging zurück zu ihrer Digstation und beendete ihren Zugriff auf mother5, schloss die Transferroute zu ihrem Chip. Der Holoscreen verschwand und eine freundliche Stimme bedankte sich für den Besuch.
Pe72 verließ ihr Labor, zeitgleich mit einigen anderen Digprofs der Abteilung ging sie in Richtung Aufzug. Man unterhielt sich über die neuesten Fortschritte in der Entwicklung auf dem Weg nach oben. Jeder Betrieb hatte einen VisiRob, der Besuch geschah prinzipiell während der Arbeitszeit um nicht danach in die Homebox mit den entstandenen Eindrücken entlassen zu werden, sondern etwaige überschüssige Energien in den Workflow zu übertragen.
Sie war angelangt und stellte sich in den Taststrahl zur Chiperkennung. Die Tür zu VisiRob öffnete sich lautlos und schob sich nach oben in die Wand um sich gleich hinter ihr wieder ebenso lautlos zu senken. Sofort nach dem Eintreten passte sich die Beleuchtung und Raumtemperatur den Sensowerten ihres Körpers an um die Atmosphäre für die bevorstehende Session zu schaffen.
Pe72 nahm auf der Magnetliege Platz, die sich automatisch dem feinen Tiriumnetz ihres Anzuges anschmiegte und durch leichten Druck die entsprechende Position einnahm.
Der Holoscreen öffnete sich über ihrem Kopf und eine angenehm sonore Stimme begrüßte sie. Der Datenabgleich der bereits bei Betreten des Raumes stattgefunden hatte, gab VisiRob zu erkennen, das Pe72 weiblich, hetohuman, nonpotestas und mit Rog32 symbiosiert war. Dies war für die weitere Sitzung und die dargestellten Szenerien außerordentlich wichtig, da ein Erregungsabbau während der Session zu einem unerwünschten Replay führte, dass wiederum aus Zeitgründen nicht in den strukturellen Ablauf des Prylabs integriert werden konnte. Jegliche gleichgeschlechtliche, Schmerz- und/oder Gewalt beinhaltende Vision wurden somit für Pe72 unterdrückt.
Sie steuerte mittels ihrer Iris durch das umfangreiche Menü des Screens, ließ in Windeseile vorgegebene Autoplays abspielen.
Sie befand sich nackt auf einer Waldlichtung, hörte Vogelzwitschern und spürte die Sonnenstrahlen ihre nackte Haut kitzeln. Sie scrollte weiter und versank in dem warmen Nass eines Bades, am Beckenrand türmten sich exotische Früchte auf Schalen und Paare tummelten sich auf großen, weißen Liegen um ihrer Lust zu frönen. Sie griff nach einer Litschi, war erstaunt über ihr frisches Aroma und verließ das Szenario. Sie wollte weiter zurück, tief zu den Wurzeln der Erregung. Pe72 überflog Seiten, besuchte Hurenhäuser in Frankreich, spürte die Enge des samtenen, blutroten Korsetts und die begehrlichen Blicke der Männer im Raum. Das laute Lachen der anderen Weiber mit ihren rot lackierten Brustwarzen an denen sich die Freier labten. Spürte hitzige Hände zwischen ihren Schenkeln und ging. Noch weiter zurück mit Rog32 im Stroh, das durch ihr Leibchen piekste und ihre Brüste fest hinein gedrückt wurden, während er ihre Hüften umklammerte, sein Keuchen hinter ihr stehend und ihr Mund gefüllt mit dem jugendlichen Geschmack des Stallburschens.
Die sanften Vibrationen der Magnetliege, der Anzug der ihre Haut eng anliegend umspannte und der diggesteuerte Antrieb der Mikroimplantate an Brüsten, Ohrläppchen, Nacken, Anus und Vagina machten die Illusion des Beischlafes perfekt.
Ihr Atem ging bereits schwerer und ihr Puls, so registrierte Visio, hatte das Vorerregungsstadium verlassen, als sie in die Zeiten des alten Roms einbrach.
VisiRob erzeugte mit Hilfe ihrer Phantasie eine Orgie, exzessiv und ausschweifend. Die marmorne Halle übersät mit Kissen die, im Kreise angeordnet, um einen freien Platz in der Mitte platziert waren. Menschen nackt oder in spärlichen weißgoldenen Gewändern ineinander verschlungen. Knaben die Met in Hörnern reichten und zu Füßen der Männer wie auch Frauen, den Kopf in ihren Schößen, für deren Belustigung sorgten.
Sie stand in der Mitte des Kreises und wiegte ihre Hüften im Takt der leisen Musik, Zurufe und Aufforderung drangen an ihr Ohr und sie legte langsam ihre Tunika ab. Kaum stand sie nackt in der von Fackeln beleuchteten Mitte öffnete sich über ihrem Kopf ein augenscheinlich schwebendes Gefäß und warme Eselsmilch strömte über sie. Sie verrieb unter den gierigen Augen der Menge das Nass über ihrem Körper, befand sich wie in einem Rausch. Sie ging in die Knie, legte sich nieder auf das Mosaik und wandte sich am Boden. Drei Jünglinge öffneten Urnen und ließen unter dem nahezu ekstatischen Stöhnen der Menge einige Schlangen frei, die sich zielstrebig auf Sie zu bewegten. Sie schlängelten sich um ihre Schenkel, glitten über ihren Bauch, aufreizend langsam, züngelnd und stetig. Männer und Frauen rückten näher, entzogen ihr die warmen Körper und bedeckten sie mit Trauben, Feigen und Datteln, gossen hier und da Honig über sie und begannen die Speisen von ihr zu essen, mit ihren Zungen aufzunehmen, abzulecken und zu verschlingen.
Pe72 wurde von einer orgiastischen Welle davon getragen, von dutzenden Händen emporgehoben auf ein reich geschmücktes Podestal. Ihre Beine abgelegt auf den Schultern der Sklaven, ihre Handgelenke fest umschlossen von den Griffen der bevorzugten Gladiatoren. Sie hob den Kopf und sah wie durch den Eingangsbogen ein riesiger Mann mit goldener Haut, einem ebenso goldenen Stierkopf und nur mit einem Lendenschurz aus feinstem, besticktem Damast bekleidet auf sie zukam. Ihr Becken bebte und ihre Brüste hoben und senkten sich schnell und erregt. Vor ihr angekommen griff eine der Hetären die Fibel die den Lendenschurz hielt und öffnete sie. Ein Raunen drang an ihr Ohr, Seufzen der Weiber. Sie schrie all ihre Lust heraus als Rog32 sie bestieg und sie widerhallte tausendfach an den schalldichten Wänden von VisiRob.
Dieser begann wenige Minuten später die Raumtemperatur zu senken und das künstliche Licht floss langsam in den Raum ein. Ihr Anzug überzog wie eine kühlende Salbe ihren erhitzten Körper und sie trank einige Schlucke des bereitgestellten Wassers. Sie saß nun auf der Liege und schloss die offenen Kapitel der Sitzung mit schnellen, kontrollierten Blicken. Vielen Dank für ihren Besuch, sagte die angenehme Stimme, bevor sich der Screen auflöste und sie den Raum verließ.
Ihre Gedanken waren bei mother5 als die Tür sich hinter ihr schloss. Fast wäre sie in Rog32 geprallt, sie sah kurz nach oben und erwiderte sein freundliches Lächeln.
Es war 52.51.9, pünktlich erreichte sie ihr Labor.
© Anja Millen
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