Anja Millen
7sins - Zorn
7sins - Zorn
Er kam immer nachts, schlich sich in ihr Zimmer und legte sich zu ihr ins Bett.Auch in dieser Nacht traute Patricia sich nicht die Augen zu schließen, sie wusste das es ihm besonderen Spaß machen würde sie aus dem Schlaf zu reißen und es war wieder einer jener Nächte, in denen das Rumoren und Poltern ihr schon ankündigte das er sie besuchen würde.
Es begann vor einigen Jahren ganz unerwartet stand er plötzlich da und betrachtete sie, schaute ihren Körper an, wie sie da lag in ihrem zarten Batistnachthemd, dass ihre erblühten Rundungen sanft umhüllte, der Mondschein ihr Haar silbrig glänzen ließ und ihre Silhouette auf dem weichen Bett gleich der einer zerbrechlichen Puppe war.
Sie wusste nicht wie lange er dort schon gestanden hatte, er war stumm und starrte sie nur an, seine Augen schienen ihr wie feurige Dolche in der Dunkelheit und sie war vor Angst gelähmt. Nichts an seinem Blick war menschlich. Er war ein Dämon. Sie hatte alle ihre Kraft zusammen genommen und mehr gewimmert denn geschrieen, dass er gehen solle, verschwinden.
Du machst mir Angst, du machst mir Angst, du machst mir Angst.
Er verschwand lautlos wie er gekommen war und am nächsten Morgen als die Erinnerung der Nacht in ihr verschwommen aufstieg, wischte sie sie gleich dem Morgentau auf ihrer Lieblingsbank im Garten weg. Nur ein Traum.
So vergingen Tage und Wochen und sie hüpfte und sprang unbeschwert durch ihr Leben.
Es wurde Herbst und es wurde Dunkel.
Patricia erinnerte sich an jede Nacht in der er kam, doch die Erste, in der er nicht verschwand als sie flüsternd darum bat war die Grausamste, eingebrannt in ihre Seele, in ihr Dasein.
Eingemummt in ihre Bettdecke lag sie in ihrem Flanellschlafanzug, der ihr viel zu groß war, den sie aber abgöttisch liebte in ihrem Zimmer. Ein Geräusch riss sie aus ihrem Schlaf und sie öffnete müde blinzelnd die Augen. Es dauerte eine Weile bis sie die Schatten ihres Zimmers erkannte und dann sah sie seine Augen, dämonisch und unbarmherzig, riesig erschienen sie ihr und sie wuchsen und kamen näher. So nahe, dass sie den fauligen Atem der Hölle roch der ihr entgegen schlug, seine gelben Zähne die sie bestialisch anbleckten. Erstarrt, nicht fähig sich zu rühren sah sie wie der Teufel von ihr Besitz nahm, seine Klauen ihren Körper brachen. Einfach so zerriss er sie in Stücke, teilte sie, verschlang sie und spuckte sie wieder aus. Patricia brannte lichterloh, fiel in einen Strom aus Lava, ertrank darin und es wurde schwarz.
Irgendwann später erwachte sie, das Zimmer erhellt von der Herbstsonne, die güldene Muster auf die Blumentapete warf. Sie wollte aufstehen und schon die erste Bewegung erinnerte sie an das Geschehene. Nein es war kein Traum gewesen. Die Erkenntnis traf sie, schüttelte sie durch und versetzte sie in einen Taumel des Unglaubens.
Sie grub sich ein in ihr Bett, zog die Fetzen des Schlafanzuges um ihren Körper, wickelte sich darin ein. Sie brannte innerlich, ein Feuer, dass sie glaubte niemals löschen zu können. Später dann als Sie nach ihr riefen und sie sich aufmachte ihr Zimmer, das immer ihr kleines Reich gewesen war, ihre Festung , ihre Burg, zu verlassen, sah sie in dem viktorianischen Spiegel die Male die er an ihr gelassen hatte. Rot und Blau unterlaufen, übersäten sie Patricias Körper, tauchten ihn in eine Farbenwelt wie sie grausamer nicht sein konnte. Verklebten ihre Poren, ihre Brüste, ihre Schenkel.
Die Erkenntnis grub sich in Patricias Hirn ein. Es war ganz klar, gestochen scharf brannte es in ihr, sie war verflucht und wurde bestraft für ihr Handeln für ihr Sein. Zu oft hatte sie Späße gemacht, zu oft widersprochen und nun war sie heimgesucht. Wie sagte Miss Longfield immer? Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort, für die Großen nimmt er sich den Teufel zu Hilfe.
Patricia schwieg, sie konnte und durfte nicht von diesen Geschehnissen erzählen. Viel zu unfassbar wäre es gewesen das man ihr geglaubt hätte und außerdem war sie schuldig.
Sie musste nun für ihre Sünden büßen.
So vergingen die Jahre und es nahm nicht ab. Jedes Mal wenn sie erhoffte sie hätte genug getan um ihre Fehler einzusehen und gut zumachen, kam er erneut und besuchte sie.
Irgendetwas fiel ihm immer ein, bevor sie in ihrem Meer aus Schuldgefühlen und Angst abtauchte und er sie zerfleischte, sie aufspießte auf einem flammenden Pfahl und sie mit höllischem Grinsen marterte.
Er besuchte sie nur nachts, im Schutze des Schlafes und der Dunkelheit, immer kündigte eine Unruhe im Haus ihn an und jedes Mal wenn sie in diesen Nächten versuchte ihren Schlaf zu verhindern, brach er in ihren längst traumlosen Schlummer ein.
Oft spielte er mit ihr, nannte sie mein Mädchen und dann wieder spie er sie mit seinem ätzenden Speichel an und verfluchte sie als liederliche Hexe.
Patricia lernte mit ihm zu leben doch die Angst und ihre Reue schwanden immer mehr und machten Platz für ein viel größeres Gefühl, Wut. Viele Nächte später gebar ihre Wut den Hass. Sie sah all die unbeschwerten Menschen und fühlte sich erstickt in ihren Wunden. Immer wieder aufs Neue. Frisch verheilte Narben, die Nacht für Nacht aufbrachen. Sie beichtete ihre Sünden, sie flehte und bettelte um Gnade, täglich, stündlich, doch keine Antwort und kein Ablass wurden ihr gewährt. Sie sah seine Fratze vor Augen, sein Lachen und ihre Tränen trockneten ehe sie aus ihren Augen entlassen wurden. Patricia erkannte, dass sie betrogen worden war. Mit jedem Schnitt den sie sich unbemerkt heimlich in ihre Oberschenkel ritzte wurde ihr Verstand klarer. Die Nebel fielen und sie sah das Unrecht, dass ihr geschehen war. Mit dieser Einsicht begann sie sich zu ändern. Sie erduldete seine Besuche nicht mehr, sie erlebte sie. Saugte ihm mehr und mehr seiner gehörnten Gestalt aus. Wenn er sie zerteilte und verschlang, riss sie kleine Stücke seiner Monstrosität aus seinem Mark. Gleich einem Vampir wurde sie mit jeder Dunkelheit und jedem Biss stärker, ihm gleicher.
Ihr Herz brannte und ihr Zorn loderte, eine kleine Flamme noch.
In dieser Nacht würde sie dem Schlaf widerstehen, sie wusste es, spürte es. Sie konnte jedes Detail ihrer mittlerweile vergilbten Tapete sehen und die Ranken der Blumen glichen Schlangen die sich durch einen Dschungel wandten.
Sie hatte vor 2 Wochen dieses Rumoren und Poltern bereits gehört, was seine Ankunft schon am frühen Abend für die Nacht ankündigte. Entsetzt und fast resigniert hatte sie auf ihn gewartet, doch er kam nicht. Am nächsten Morgen erwachte sie aus ihrem ereignislosen Schlaf und konnte nicht verstehen. Sie war befreit. Ein unsagbares Glücksgefühl durchströmte sie, er hatte von ihr abgelassen, der Teufel. Vorsichtig als könne sie die neu erworbene Freiheit mit jedem Atemzug und jedem Schritt den sie machte verlieren ging sie zum Frühstück nach unten. Patricia setzte sich zu ihrer kleinen Schwester an den gedeckten Tisch und sah sie an. Diese hob langsam ihren Kopf und schaute mit unendlich toten Augen zu ihr, als sie ihr wortlos die Milch reichte. Patricia sah die Abdrücke an ihrem Handgelenk als sich der Ärmel von Lisas Schlafanzug nach oben schob. Sah die Krallen wie sie sie umfassten, brachen und verbrannten.
Sie starb und mit ihrem Tod wurde sie neugeboren.
Patricia lag hellwach als er die Klinke leise nach unten drückte. Sie registrierte jede schattenhafte, fast lautlose Bewegung. Gleich würde er sich auf sie werfen, so wie immer, so wie seit der ersten Nacht, der Nacht in der sie ihre Träume verlor. Sie dachte an Lisa, an all die nächsten Jahre. Sie spürte wie ihre Augen unter den geschlossenen Lidern zu glühen begannen, ihr Atem nach Schwefel roch, faulig und Verderben bringend. Sie spürte wie ihre Hand die den Schaft des Messers umklammerte zu einer Klaue wurde die mit dem Tod verschmolz. Dann war er über ihr und mühelos glitt die geschärfte Klinge durch den herabfallenden Körper, bohrte sich in das Feuer und zweiteilte das Herz.
Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort, für die Großen nimmt er sich den Teufel zu Hilfe.
© Anja Millen
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