Anja Millen

Besuch

Besuch

Weißt Du, nun wo es soweit ist und ich weiß, dass mir mit viel Glück noch ein halbes Jahr bleibt, fällt es mir soviel leichter mit dir zu reden.

Ach ja, nicht das du dich wunderst, ich rauche wieder.
Reich mir bitte den Aschenbecher rüber.

Ich habe ziemlich lange darüber nachgedacht ob es wohl gescheiter wäre ganz klammheimlich abzutreten oder vielleicht ein auswandern vorzutäuschen, auch darüber ob ich mit dir reden soll, aber es gibt noch ein paar Dinge die ich nie gesagt habe, die mir aber am Herzen liegen.
Gleich neben diesem dunklen Schatten rechts, der sich in mein Gewebe frisst.

Ach bitte, mach nicht so ein entgeistertes Gesicht. Du und ich, wir beide wissen dass es dich nicht wirklich trifft. Mich auch nicht sonderlich, um ehrlich zu sein.

Um bei Ehrlichkeit zu bleiben, du küsst schlecht.
Ich meine: richtig scheiße. Versuche bei den Nächsten mit weniger Zahnkontakt zu küssen, nicht grade prickelnd das Aneinanderreiben von Schneidezähnen.

Siehst du, ich genieße es. Ich kann dir ehrlich gegenüber treten und du bleibst sitzen. Du springst nicht auf und schreist mich an: Blöde Kuh.
Du fühlst dich verpflichtet einer Sterbenden zuzuhören, die vielleicht letzten Sätze die sie mit dir spricht wahrzunehmen. Wie durch eine hellgraue, watteweiche Wolke gehen meine Worte in dein Ohr, nicht wahr?

Dieses Lied ist einfach grausam, sie spielen es den ganzen Tag auf und ab im Radiosender der Uniklinik. Gestern habe ich mir youtube-videos angeschaut ohne Ton, das Laptop hat immer noch keine Soundkarte, ich habe laut dazu gesungen, soweit ich mich an die Texte erinnerte, meine Bettnachbarin, diese affektierte Zicke, rief die Schwester.

Bitte könnten sie aufhören zu singen? Ich habe sie einfach ignoriert, das Recht habe ich nun, ich rede nicht mehr mit Menschen wenn ich es nicht möchte, ich höre sie auch nicht mehr. Auch den Arzt fünf Minuten später nicht. Sie haben die Fotze dann aus dem Zimmer geschoben. Ich bin alleine nun, mit dem Laptop und dem Fenster zur Baustelle des neuen Pädiatrietraktes, ich fühle mich glücklich und ich singe viel, bis ich Blut rotze.

Ich habe dich verlassen, damit du dich glücklich fühlst.
Ich bin aus unserem Zimmer gezogen um dich alleine zu lassen und um dich irgendwann wieder lächelnd zu sehen.

Ich werde es vermissen, die Vorstellung deines Lächelns.
Ebenso wie ich deine beschissenen Küsse vermisse.
Ich habe schreckliche Angst, dass nichts von mir bleibt.
Das ich verschwinde und der Platz den ich freigebe sich mit Luft füllt, die nicht mehr mein Parfum trägt.
Ich habe ganz schreckliche Angst, dass du nie mehr: Blöde Kuh, schreien wirst.

"Hallo, schön, dass du gekommen bist."