Anja Millen
Calla
Calla
Auf dem Tisch wahllos, fast mutwillig gestreut ein Sammelsurium der ewig gleichen Vorbilder, ihrer Langeweile: die „O“, de Sade, dazwischen aufblitzend die Schlagzeilen, Marquise, gar eine CD mit Musik zum Spiele und daneben ein Player, den zu benutzen sie sich nicht getraute, obwohl es ihr Warten verkürzt hätte.Verschämt versucht sie das aufkommende Zittern ihres rechten Oberschenkels, immer wieder so unauffällig wie möglich mit ihrer Hand zu unterdrücken. Sie war alleine in diesem kleinen Raum. Leise, ab und an in regelmäßigen Abständen, dass Klicken der Klimaanlage und bei jeder ihrer Bewegungen ein Knarzen des antiken, altenglischen Lederfauteuil.
Die Zeiger der Standuhr rückten verzerrt von jeglichem Zeitempfinden in ihren Bernsteinaugen rückwärts und näherten sich unaufhörlich dem verabredeten Termin.
Erneut ein Zittern als sie glaubte, entfernt eine sonore Stimme zu hören. Ihre kalten Finger, die sich an die Lehne klammern und ihre Angst vor ihrer eigenen Courage.
Was wusste sie schon von ihm und er von ihr? Sie begann zu grübeln und vergaß für einen Moment ihre Beherrschung, leise klackerte der Absatz ihrer dunkelgrünen, glänzenden Schuhe auf dem Parkett. Das Zittern, wäre nur nicht dieses entblößende Zittern.
Er hatte nicht wie all die anderen erwartet, dass sie sich ihm vorstellte mit all den platten Attitüden, mit einem gehauchten: Meister, Herr oder Sir. Ihre Vorzüge kniend niederschreibend.
Nein, er hatte ihr ganz leicht und leise eine Nachricht geschickt eingebunden in Bütten, die nahezu vertrocknete Blüte einer Calla und die schnörkellosen Worte mit Tinte niedergeschrieben: Blütendienerin gesucht.
Es hat ihn nicht interessiert: Ihr Aussehen, Ihre Vorlieben, Ihre Neigungen. Nichts von alledem, obwohl sie in ihrer schönsten Schrift auf eben solchem Papier ihm zu antworten ersuchte. Wie viele Stunden sie gesessen und Blatt für Blatt den Tisch verließ in einem Knäuel aus Sehnsucht und Hoffnung, bis sie zufrieden war mit ihrem Werk.
Allein ihr Brief, er kam ungeöffnet zurück und einzig eine Karte angeheftet auf der mit einer Selbstverständlichkeit die Anschrift und die Uhrzeit standen, die ihr im ersten Moment ein brüskiertes „Nein“ entlockten. Doch sie konnte nicht widerstehen, noch schlimmer als diese Demonstration von Macht im kleinen Kreise ungefragt über sich ergehen zu lassen, wäre das verwehren eben Selbiger gewesen, nicht zu wissen wohin es führt und wozu es gut ist.
Ihre Neugierde war geweckt und wollte gestillt werden und nun saß sie hier, mit zitterndem Bein, mit kalter Hand und verklärtem Blick zur Uhr, mit pochendem Herz.
Welche Mühe sie sich gegeben hatte, nie zuvor hatte sie bis in das kleinste Detail ihren Körper, ihr Haar, ihre Kleidung geschönt. Hatte all die Erwartungen, die er sicher hatte, ein Mann mit solchem Stil, mit Büttenpapier und Calla, hatte all diese Erwartungen übertreffen wollen. Hat gepudert und gereinigt, hat das Haar entfernt und frisiert, hat auf Kleidung verzichtet und geachtet. Einen harmonischen Strauß zur Freude seines männlichen Auges gesteckt. Was wenn er sie nicht attraktiv fand? Was wenn er mit einem verächtlichen Blick, ihre drallen Formen taxierend, ihr die Tür wies? Wenn der Duft ihres Parfums ihn die Nase rümpfen ließ und die Farbe ihres Haares seinen Abscheu hervorrief?
Ihr Blick gefangen an der Uhr ließ los und wechselte zu dem kleinen Mahagonitisch. Fast zu banal erschien ihr die Lektüre, enttäuschend auch, da sie ein wenig seiner Einmaligkeit nahm, die, die die Blüte ihr vermittelt hatte.
Das dunkel tönende Glockenspiel des Uhrwerks riss sie aus ihren Gedanken und noch bevor ein neuer Anflug von Nervosität ihren Schenkel schütteln konnte, öffnete sich mit einem leisen Summen die schwere, reich verzierte Eichentür.
Sie zögerte einen Moment, unsicher ob sie eintreten solle und darauf wartend eine Einladung zu bekommen. Ihr Herz wild klopfend durch ihren Hals hinauf bis ins Gehör, fast befürchtete sie im rauschen ihres Blutes unterzugehen oder seine Stimme zu missen.
Nach wenigen Minuten des Wartens erhob sie sich und gemäßigten, fast vorsichtigen Schrittes betrat sie den Raum.
Als würde er in endloser Weite sich erstrecken, in fahlem Zwielicht und sie ganz klein in seiner Mitte, so stand sie dort, den Blick gesenkt auf Intarsien und ihre Sinne vibrierend, züngelnd nach jeder Regung die wahrzunehmen es galt. Doch Ruhe umfing sie und ein fast unwirklich, zarter Duft, dessen Ursprung zu erkunden sie ihren Kopf heben und ihre Augen schweifen ließen. Ein Lichterspiel, aus bunten tanzenden Flecken, die sich durch jeden Winkel schlichen und hier und da ein Meer von Pflanzen unwirklich erstrahlte.
Ihre Augen vor Verwunderung geweitet, denn kein Fenster war zu sehen und dann erstrahlte sie in einem kurzen Leuchten, die Wolken über ihr die gnädig weiter zogen und ihrem rätseln ein Ende bereiteten als sie ihren Kopf in den Nacken legte und die mächtige Kuppel aus buntem Glas in kunstvoller Verarbeitung erblickte.
Als sie aus ihrer geradezu kindlichen Verzückung sich löste, ein Ruck wie zur Ermahnung ihrer Pflichten durch ihren Körper ging und sie, in den nun lichten Raum sah, entdeckte sie ihn hinter dem mächtigem Schreibtisch, der einige Meter vor ihr stand und der vor wenigen Minuten noch in Dunkelheit getaucht war.
Er trug ein schlichtes, weißes Hemd, sein grau durchwirktes, schwarzes Haar einwenig wirr und lang genug um hinter seiner geraden Haltung Schultern zu verschwinden. Hatte sie einen Blick in seine Augen doch ersehnt, so verwehrte er ihr selbigen hinter einer dunklen Brille, gut geschützt. Sein Kopf zu ihr gewandt und seine Lippen gar zu einem leicht belustigten Schmunzeln geschürt. Die Hände ruhig in seinem Schoß gefaltet, dies Schmunzeln, das zu deuten sie sich nicht wagte und dennoch begann sie zu sprechen.
Erzählte mit Beben in der Stimme von ihrer Freude über die Einladung, ihrer Verwunderung und ihrem Erstaunen über die Form selbiger und mit einem Anflug unkontrollierbaren Kichern von ihrem zitternden Oberschenkel, draußen im Warteraum. Schämte sich im selben Moment, als sie bemerkte, dass er nicht einfiel in ihr nervöses Lachen, stattdessen unbeirrt ihr gegenüber saß. Sie glaubte seinen Duft wahrzunehmen, schwer wie Opium sich auf ihre Sinne legend und doch konnte sie nicht unterscheiden ob es die Blütenkelche in all ihrer Pracht waren oder seine Haut die sie betörte. Sie sprach wieso sie suchend sei, von Blumen die sie kannte und mochte und von der Schönheit dieses Raumes, sprach von ihrem pochenden Herzen und ihrem rauschenden Blut und von ihrer Angst. Er schwieg und hin und wieder eine leichte Bewegung seiner Hände, die sie ermutigte, die sie wärmte und ihr einwenig Ruhe schenkte und Sicherheit. In mitten dieses bunten Glanzes stehend, gleich einer Puppe in ihrer feinsten Tracht sprach sie von ihrer Sehnsucht, ihren Trieben, den unerfüllten, ohne Unterlass. In ihrem hübsch frisierten Schädel blitzte dann und wann die Frage auf ob er sie mochte so wie sie wahr, dort vor ihm stand. Ob sie sich setzen solle auf einen dieser Sessel ihm gegenüber, ob es ihm angemessen war oder ob sie wortlos kniend, das Haupt gesenkt wie in all diesen Lektüren beschrieben, die sie zu faszinieren oder erregen nie im Stande gewesen waren.
Durch sein Schweigen in ihren Entscheidungen alleine gelassen bemühte sie sich ruhigen Tones mehr zu erzählen von sich, von ihren Untiefen. Sie durchlebte ihre ganzen Lebensjahre und sprach und sprach und irgendwann an einem Punkt an dem sie ihre Seele ausgezogen hatte, begann sie in ihrer ungestörten Verzweiflung ihre Kleidung abzulegen.
Stück für Stück mit nassen Augen schlüpfte sie aus ihrer künstlichen Haut, faltete sie sittsam vor ihm und legte sie zu Boden.
Dann stand sie nackt.
Die Wolken die lüstern ihre Scham betrachteten durch rotes, grünes und blaues Glas und ihr mit einem leichten Hauch Erbarmens einwenig Dämmerung über ihren Körper legten.
So stand sie nackt und leise schluchzend und er saß unbewegt, fast unmerklich ein Nicken seines Kopfes ließ sie endlich sprachlos zu ihm gehen und ohne Zögern vor ihm stehend seine warmen Hände nehmend und ihr Gesicht darin verbergend.
Ein kurzes Streichen über ihr gelocktes Haar, ein Zwirbeln ihrer losen Strähne, die Fingerspitzen rau und sanft über sie streichend, dann ohne fühlbare Eile schob er sich zurück und sie erkannte was ihr Auge ihr in all der Zeit in der sie stand verwehrte, der Blindheit matter Glanz hinter dem Glas seiner Brille und mit ewig stummen Lippen, die ihr für immer wortlos blieben, reichte er ihr die Messingkanne und sie nahm sie wissend an, begab sich in das duftende, weißkronig schäumende Blütenmeer um ihnen Wasser zu schenken, zu dienen.
© Anja Millen
next
home
previous