Anja Millen
Corset
Corset
Sie jammerte und klagte unaufhörlich. „ Ich will das nicht, lass das!“, schrill widerhallte ihre Stimme an den blassblauen Wänden ihres Ankleidezimmers. „Herrje, du verzogenes Gör, wirst du wohl Ruhe halten.“, Lisbeth war entnervt. Die letzten Wochen vor der Hochzeit war Marietta unausstehlich und Lisbeth viel es von Tag zu Tag schwerer sie in Zaume zu halten. Keiner der Dienerschaft konnte ihr noch etwas recht machen, keiner konnte ihren Launen und unangekündigten Wutausbrüchen ausweichen.
„Es ist zu eng, du schnürst mir die Luft ab“, jammerte Marietta und sah sich dabei im Spiegel an. Sie stand vorne übergebeugt, ihre Hände auf die reich verzierte Kommode aus hoch poliertem Kirschholz abgestützt. „ Du ekliges Monster, du altes fettes Weib. Ich hasse Dich!“, sie spie die Worte hervor und kleine Speicheltropfen schlugen sich auf dem barocken Spiegel nieder. Lisbeth zog unbeirrt die Schnüre enger und enger, nahm ihr Knie und drückte es Marietta unnachgiebig gegen ihr wohlgeformtes Hinterteil. „ Ich mag fett sein, aber mich mag der Baron auch nicht heiraten und du wirst gefälligst nun ruhig halten, oder ich werde dich übers. Knie legen.“
„Das wagst du nicht, ich bin kein kleines Mädchen mehr, ich werde Mutter sagen, dass sie dich und deine Brut aus dem Hause wirft“, erwiderte Marietta, doch ihre Stimme wurde kleinlaut. Sie wusste genau, dass dies niemals geschehen würde. Sie alle standen in der Schuld der Amme, lebenslang und darüber hinaus. Seit diesem schrecklichen Novembertag, dem Tag ihrer Geburt.
Sie seufzte auf und fügte sich in ihr Schicksal.
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