Anja Millen

Der letzte macht das Licht aus

Der letzte macht das Licht aus

Das war ungeschriebenes Gesetz.
So war es schon immer und überall und so war es auch bei uns.

Du hattest es immer geflüstert bevor die Tür sich öffnete, fast als würdest du ein Geheimnis verraten oder gar eine wichtige Aufgabe übertragen wollen:
Der Letzte macht das Licht aus.

Und ich hatte es immer gehört, egal wie leise du warst, egal wie du dich bemühtest nur hörbar für die, die um dich standen, zu sein.

Es waren diese Sekunden, bevor die Tür sich schloss und das Licht erlosch.
Die Sekunden, die mich tausend Tode sterben ließen und mich wie eine Motte gefangen hielten im hellen Schein.
Die Sekunden, in denen ich ihre Gesichter sah. Ihre Gier darin und das Glitzern in ihren Augen.
Wenn unbarmherzig unter kalten Strahlern meine Hitze stieg und wenn das Rot meiner Wangen meinen Körper zu überziehen drohte.
Wenn du da standest, alle die, die du eingeladen hattest hinter dir, und ich dort, in der Mitte des Raumes.

Wenn ich spürte wie meine Beine zu zittern begannen, wenn die ersten Tropfen aus meinem Schoß drangen und ich erkannte was kommen würde.
Wenn ich all ihre stummen Begleiter in ihren Händen sah.
Kalter Stahl, grobe Seile, harte Stäbe, und ich versuchte ihre Blicke zu fangen, dann hörte ich deine Stimme:
Der Letzte macht das Licht aus.
Es wurde dunkel, einzig ich hell entblößt in Licht.

Sie kamen aus dem Nichts, die Hände, die mich packten, die mich rissen und drehten, beugten und streckten, und hier und da Schemen und hier und da Schmerz und Lust und Atem und Stöhnen.
Ja, Stöhnen war da.
Meines, ihres, deines auch.

Irgendwann kamen die Schwänze und die Hände krochen weg und meine Löcher öffneten sich und wurden geöffnet.
Gefüllt, abgefüllt, weiß.

Später, als nur mehr mein schwerer Atem den Raum beklang und all die schwarzen Männer mit der Nacht verbunden und entflohen waren, erkannte ich dein Gesicht, deinen Mund, den Kuss.
Hörte wie die Tür hinter dir ins Schloss fiel.
Der Letzte macht das Licht aus.
Augen zu.