Anja Millen
Dunkelstunde
Dunkelstunde
Manchmal stehe ich mitten drin, zwischen all diesen nackten Menschen.Ich habe dieses bunte Kleid an, ein Zeichen meiner Trauer, sagte man mir.
Sie ficken um mich herum, vibrierende Luft.
Der Raum stöhnt, die Wände feucht, der Boden schleimig.
Ich beginne die Nasen zu zählen, sofern sie nicht gerade in einer Möse oder zwischen prallen Backen versteckt sind.
Ich versuche mir die unsichtbaren Nasen zu merken und später nachzuschauen ob dort, wo ich vermutete, auch eine war.
Eine Hand nähert sich kriechend meinem Fuss und in einem Augenblick der Angst trete ich zu.
Es ist eine sexuelle Angelegenheit, dass ist mir klar.
Es ist kein Traum, Träume riechen nicht, sagte man mir.
Von der Decke tropft Lust und ich erinnere mich an den Geruch von nassem Beton.
Ich glaube nicht, dass sie das auch können.
Sie mögen wissen wie ein Wald riecht, ein schneebehangener Himmel, ein neues Auto oder ein altes Buch.
Nasser Beton ist speziell, man kann ihn schmecken beim riechen.
Er staubt im Mund und setzt sich fest im Wangeninneren, im Zahnfleisch und im Rachen auch.
Vor mir spritzen drei Männer auf einmal in das Tittenwesen, dessen Gesicht ein Loch ist.
Etwas zerrt an meinen Haaren, die auf dem Boden liegen.
Alles wächst mit der Zeit, auch die Einsamkeit.
Siebenundzwanzig sind es, 54 kleine, zart behaarte Löcher.
Ich stehe gerade und werde nun meine Augen zuhalten.
Ich habe dieses bunte Kleid an.
Ich schmecke Beton.
Ich bin meines Mädchens Dunkelstunde.
© Anja Millen
next
home
previous