Anja Millen

Gnadenkind

Gnadenkind

Ich verwahre alles in dieser kleinen Kiste, so ein abgewetztes Teil aus Karton, dessen Faltkanten schon aufgeribbelt sind und der bunte, glänzende Druck gerissen.
In einem Einmachglas ein kleines Herz, das, von dem Vogel, den ich fand als ich neun Jahre alt war. Ich glaube, ich bin alt geworden an diesem Tag, als ich ihn fand.

Er lag auf dem Rücken an der Grenze zum Nachbargrundstück, gleich bei der Hecke auf der Erde, zwischen kleinen, gelb-braunen Koniferenblättchen und ein Zigarettenstummel verkümmerte neben ihm. Sein Gefieder schien ein wenig verklebt, der Schnabel offen und seine Brust blutverkrustet. Ich starrte ihn an und versuchte zu erkennen ob er noch lebte, dann stupste ich ihn vorsichtig mit dem Finger an. Schrak zurück als sein Schnabel sich kurz weiter öffnete.
Vorsichtig nahm ich ihn in die Hand und sah dass ihm die Federn geraubt worden waren. Hart stachen die Kiele und Spindeln hervor, weiße Stacheln mit roten Tropfen. Albinodornen. Blutrosen auf weichem Flaum.
Nein, DAS dachte ich natürlich nicht. Ich war doch erst neun.

Ich lief nach Hause. Ich wusste, er musste sterben, ich war mir nicht einmal mehr sicher ob dieses zerfetzte Etwas in meiner Hand überhaupt noch lebte. Ein Gefühl der Beklemmung kroch ganz schrecklich in mir hoch, dass er leiden müsse, Schmerzen, Angst.

Ich spürte wie man mir meinen Brustkorb aufriss, große Tatzen mit scharfen Krallen sich in meine Kopfhaut bohrten. Ich spürte spitze Zähne und aus meinen Augenwinkel sah ich wie meine Flügel brachen und die Knochen sich aus meiner Haut bohrten. Albinodornen.

Ich musste ihm helfen.
Ich wollte ihn mit einem Stein erschlagen, das schien mir am schnellsten. Ein großer schwerer Stein, doch nichts dergleichen war in der Nähe. Ich ging ins Badezimmer und ließ Wasser in das Waschbecken laufen. Lauwarm, ich wollte ihn nicht in seinem Ende erschrecken, so lauwarm wie ich Cindy meine Puppe immer badete. Hielt ihn in seinen Teich und hoffte, dass es schnell gehen würde. Kleine Bläschen stiegen um seinen Schnabel auf und ich war hilflos und meine Tränen regneten Trauer auf ihn hinab und es dauerte und dauerte und ich wusste, dass es zu lange dauerte, viel zu lange um Gnade zu sein und ich schloss meine Augen und drehte ihm den Hals rum.
Ratsch.
Totenstille.
Klar, vorher war es auch ruhig, aber ich, ich habe sie doch gehört seine Schreie, seine schrecklichen Schreie und ich war seine Mörderin und dennoch, ich war doch Neun und wollte ihn erlösen. Herr, erlöse mich.
Ich habe nach dem Klopapier gegriffen und ihn trockengetupft, das Wasser war erdig braun. Ein Handtuch habe ich mich nicht getraut zu nehmen, meine Mutter, Sie wissen...

Wir hatten Spiritus da und wir hatten Biologieunterricht, ich nahm die Geflügelschere, die mit einem Einmachgummi unten zusammengehalten wurde, und schnitt die Rose entzwei.
Knack, knack.

Ich weiß nicht, ob es das Herz ist, die Leber oder eine Niere, der Magen. Ich habe es genommen um es zu bewahren, ich sammle doch so gerne.
Damals, als ich neun war.

Heute weiß ich, dass ich ihm geholfen habe. Vielleicht ein wenig umständlich, mit zu vielen Emotionen ihm den Abschied erschwert, die Regentränen in den Teich, die kleinen Wasserbläschen, ein letztes Dankeschön von ihm.

Wenn ich in den Keller gehe und die kleine Kiste von Zeit zu Zeit öffne, in der eingebettet in Rosenblüten sein Herz ruht, fühle ich mich ergriffen. Von mir. Ich meine, ich war neun.

Dann seufze ich und stelle sie sanft zurück, streiche noch einmal zärtlich mit meiner Hand über das Muster und gleite mit den Fingerspitzen über das kühle Glas des Behälters mit Peters Zunge, zu dem mit Michaels Schwanz, Manfreds Augen.
Ich helfe gerne.