Anja Millen
Guten Morgen
Guten Morgen
flüsterte sie mit diesem unverkennbar leicht zitternden Timbre in ihrer Stimme.
Sie bemühte sich so lautlos wie möglich den Raum bis hin zu dem riesigen Bett zu durchqueren.
Eine Diele im Parkett ächzte leise unter ihrem Schritt und sie erstarrte ob der nun folgenden Zeterei. Doch es blieb ruhig und sie beruhigte ihre Sinne, ihren Atem.
Guten Morgen, waren die einzigen zwei Worte die sie an ihn richten durfte, bevor sie ihm sein Frühstück brachte, bevor sie ihn wusch, ihn bekochte, ihn umhegte. Alles hatte schweigend zu geschehen. So war es immer und so würde es immer sein.
Guten Morgen, war das einzige was sie überhaupt hörbar aussprechen konnte, durfte. Gar ein kurzer, spitzer Schrei aus Schreck, wenn sie eine Spinne sah, dort unten im Keller, hatte gnadenlose Härte zur Folge.
Er schätzte Ruhe und sie bemühte sich. Jeden Tag auf’s Neue.
Das kleine, silbern ziselierte Tablett mit einer Hand haltend und mit der Anderen, der Freien, den schweren samtenen Vorhang des Bettes beiseite schiebend, spürte sie das Unheil nahen. Es ließ sich nicht vermeiden, in ihrer Nase kitzelte es, die Augen wurden feucht und ohnmächtig lies sie das Niesen über sich ergehen, so ohnmächtig wie gleich darauf die Konsequenzen.
Doch es blieb ruhig in den Laken.
Sie zog den Vorhang ungläubig zur Seite und im frühen Morgenlicht schaute sie in sein bleiches Gesicht. Sein Blick in all seiner Kälte erstarrt.
Sanft, ganz sanft schloß sie seine Lider, strich ihm das erste- und letztemal fast liebevoll über die fahle Wange.
Leise, vorsichtig das Tablett haltend, schlich sie zur Tür und wieder klagte knirschend der Boden unter ihren blanken Füßen und wieder hielt sie inne und dann - dann öffnete sich ihr Mund, ganz langsam, ganz sanft und ihr Brustkorb hob sich und dann entließen ihre Lippen in nie geahnter Stärke zwei Worte:
Guten Morgen.
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