Anja Millen

Hermes Baby

Hermes Baby

Ich dachte auch darüber nach, möglichst schmutzige Geschichten zu schreiben.
Ich meine, wirklich dreckig und geil natürlich auch.
Irgendwas das hierher passt, in dieses Viertel, in diese abgesoffene Stadt.
Nicht schon wieder so eine lyrische Scheiße, wie Piet mir gestern am Telefon mitteilte.
Ich kippte mir die Bohnen aus der Dose auf den Teller.
Einfache Wichsvorlagen sollten genügen um die Aufmerksamkeit zu erregen und meine Auflage zu kicken;
Ist das klar Mann?
Schreiber sind doch genau so:
Beifall heischend,
auch wenn man beim huren zwangsläufig an Mösen denkt.

Also machte ich mir eine Liste:
Sue in den Arsch gefickt,
während Stephan ihn mir leckte.
Sie angepisst und gegangen.
Ma angespritzt,
als sie schlief.
Trish und Pia verkauft,
für ein paar Flaschen Gin und dabei zugesehen wie sie gebumst wurden,
von den Pennern die hinterm Supermarkt rumlungerten.

Ich dachte auch darüber nach, dass das nicht genügen würde.
Sie haben mir gesagt, dass es so kommen würde,
dass ich mir irgendeinen Mist aus den Fingern lutschen würde, irgendwann, irgendwo,
um wenigstens noch ein-zwei Überleser abzugreifen.
Die, die auf der Lauer lagen,
weil so einer wie ich Erfolg nicht verdient hatte,
weil so einer wie ich
so einer wie sie war.
Da spielte Realität oder Fiktion keine Rolle mehr.

Ich warf meine Hermes Baby aus dem Fenster: Die Nacht verlangte das.
Gegenüber ging das Licht an und die fette Alte, die sonst an der Kasse bei Heynes sitzt und sich die Nägel lackierte, starrte in das düstre Nichts zu mir herüber.
Diese erbärmliche Nacht, die mich einfach enttäuschte, wortlos da sitzen ließ und mir weißes Papier zum Vorwurf machte.

Wie Haily, letzte Woche, die mich anschrie:
Verpiss dich, du verdammter Hurensohn.
Mann, ich hatte mir nur einmal einen blasen lassen von ihrer Schwester.
Es war doch eigentlich ok so,
bedeutungslos,
zwischen dem einen
und dem anderen Drink.
Sie schwieg
und schrieb es in ihr vergammeltes, zerfleddertes 1 Dollar Tagebuch.
Sie wollte auch mal etwas poetisches schreiben,
schrie sie,
als ich ihr Gesicht in die Kloschüssel drückte.
Sie vergaß, dass Haily neben den Todesanzeigen gerne auch Tagebücher las.
Manierierte Mösen.
Beide.

Ich dachte auch darüber nach, einfach aufzuhören,
als ich auf das Vordach kletterte und in Scherben kriechend
mein Baby rettete.
Das
wäre zu einfach,
für Euch.
Zurück,
zündete ich mir eine Zigarette an,
ein guter Kampf,
nickte mir zu.

Natürlich schrieb ich
nie ein Wort.