Anja Millen

Maternity - Mutterschaft

Maternity - Mutterschaft

Seine Xenonleuchte war schon vor Stunden erloschen. Er fühlte sich ausgelaugt und erschöpft. Immer und immer wieder marterte ihn sein Hirn mit der Frage nach dem Warum. Er erinnerte sich als er vor wenigen Monaten bei den Ausgrabungen die Entdeckung machte, wie ihn dieses Zittern überfiel, diese Unruhe die man sein eigen nennt wenn man spürt vor etwas sehr großem, unfassbaren zu stehen. Seitdem verging keine Stunde in der er nicht von der Carta gefangen war. Präzise zeigte sie ein Tunnelsystem an, dass am Ende auf eine riesige Kammer verwies. Selbst Nachts in seinen Träumen war er gefangen von dem Gedanken diesen Raum zu finden. Jeden Tag mehr getrieben durch jeden Meter den er vorran kam.

Als er die Schriften entschlüsselt hatte, war es leicht, fast zu leicht, gewesen den Eingang zu lokalisieren. Er hatte einige Helfer angestellt, Handlanger aus naheliegenden Ansiedlungen die für einige Münzen bereit waren Hindernisse aus dem Weg zu räumen, denen es gleich war was er suchte. Deren einzige Interesse in dem Geld lag das sie verdienen konnten und mit dem sie mühelos, in ihrer Armut, ihre Familien über Wochen hinweg ernähren konnten.

Die unteririschen Gänge waren erstaunlich gut erhalten, nur wenig Geröll lag im Weg. An vielen Stellen waren die zum Teil steinernen Wände mit obskuren Mustern behauen, die sich oft zu einem monströsen Ganzen formten. Es war ihm noch unerklärlich wie die Sauerstoffversorgung hier funktionierte, selbst in den tiefsten Sackgassen, war die Luft rein und frisch. Hin und wieder glaubte er in seiner Übermüdung ein Zischeln und Scharren zu hören, doch sobald er begann sich auf diese Geräusche zu konzentrieren schienen sie nie existent gewesen zu sein und er schob jeden Gedanken daran beiseite.

Vor mehr als 36 Stunden hatte er sich nun aufgemacht den Hauptgang zu erforschen, den letzten aller Gänge, den, den er sich bis zum Ende aufgehoben hatte. Diszipliniert hatte er erst jede Abzweigung, jeden Nebenweg erforscht, neue Hinweise untersucht.
Er hatte mit seinen hochmodernen Gerätschaften, mit Infrarot und Wärmesensoren, Schallwellenmessungen jeden Quadratzentimeter analysiert.
Mittlerweile war er sich sicher, das die zum Teil in die Wände eingelassenen Skulpturen aus Materialien bestanden, die bei dem heutigen Stand der Wissenschaft, unbekannt waren. Legierungen, die zu brechen er nicht einmal mit einem Laser imstande war. Jedesmal verfolgten ihn die Kreaturen sobald er seine Augen schloß, es war als fiele dann die Mauer um sein Bewusstsein herab die er während der Arbeit aufrecht erhielt und würde ihn verletzlich machen für die tief dahinter verborgene Angst.

Er hatte diesen letzten Gang Highway genannt, der Highness Way der zur Queens Chamber führt. Raum der Königin. Da ihn die Zeichnungen auf der Carta an einen Bienenstock, Ameisenbau oder etwas ähnlich organisches erinnerte.
Er war erschöpft, seine Uhr zeigte ihm in schwachen digitalen Leuchtziffern das er umkehren sollte, ausschlafen. Nach seinen Berechnungen konnte er nicht mehr weit von seinem Ziel entfernt sein. Er tastete sich an den Wänden entlang , ließ die Abzweigungen außer acht. Er kannte den Weg im Schlaf, so oft war er durch ihn gewandelt. Einige seiner Studenten hatten ein virtuelles 3d Szenario erstellt aufgrund seiner Angaben, nur der letzte Raum war noch ein schwarzes Nichts. Seine Fingerspitzen erkannten immer detaillierte Formen und Windungen, der Stein wurde glatt wie eine polierte Edelstahloberfläche. War er am Anfang des Tunnels noch oft spröde uneben und körnig, so schien es hier als hätte Wasser jede noch so kleine Unebenheit weggespült.

Sein Puls schlug hart und er hörte sein Blutrauschen in den Ohren. Nicht laut genug um die Geräusche, die er seit Minuten wahrnahm, zu übertönen. Diesmal waren sie eindeutig, nicht mehr von seinem Verstand auschaltbar. Er konnte sie nicht zuordnen. Dachte er in dem einen Moment es sei ein Rasseln, so wurde er im Nächsten überzeugt es ist ein Zischen und ein Schaben.

Er war am Ende angelangt, zitternd überflogen seine Hände die Oberfläche, jede Ausbuchtung überstrich er, drückte hinein, versuchte sie zu drehen. Würde er den Mechanismus der das Tor verschlossen hielt nicht finden, müsste er den ganzen Weg wieder unverrichteter Dinge zurücklegen und ihn in einigen Tagen neu ausgerüstet wieder antreten. Fieberhaft tastete er über die reichen Verzierungen und seine Hoffnung schwand zusehentlich, als er endlich das metallene Geräusch eines Schlosses, das entriegelt wird, vernahm.

Er wich ein kleines Stück zurück, hob seine Digitalkamera um mit Hilfe des Blitzes das sich vor ihm eröffnende sichtbar zu machen. Ein Stoßgebet abschickend, das die Batterien ausreichen würden um diesen Moment festzuhalten, drückte er den Auslöser.
Zu früh, er sah kurz im grellen Schein die immer noch geschlossene Tür, die eine Einheit mit den Wänden zu bilden schien. Er ging einen Schritt vor und stämmte sich dagegen, spürte wie sie unter dem Druck seines Gewichtes nachgab und durch einen entstehenden schmalen Spalt schwaches Licht zu ihm durchdrang. Er musste all seine Kraft aufbieten um das Tor zu bewegen, drehte sich um und begann mit seinem Rücken, die Füße fest verwachsen mit dem Boden, dagegen zu halten.

Mit Erfolg. Fast fiel er rückwärts in den Raum als spontan und unerwartet die Flügel zurück schwangen. Es war laut geworden, die ganze Luft schien erfüllt von Geräuschen, Flüstern, unirdisch. Er sah auf den Schatten den er vor sich in den High Way warf und die Angst die er seit unzähligen Nächten in seinen Träumen erkannte übermannte ihn. Er widerstand dem Drang schreiend in das vor ihm liegende Dunkel zu laufen.
Er drehte sich langsam um seine eigene Achse, die Augen zu kleinen Schlitzen verzogen als könne er das, was er nun sehen würde, in seinem Schrecken minimieren. Doch nichts auf dieser Welt, in seiner Welt, hätte ihn schützen oder vorbereiten können auf das was er zu Angesicht bekam.

Sie befand sich in der Mitte des Raumes, ihr Augen drangen in ihn ein und er spürte das es zu spät war, zu spät sie zu schließen, zu spät um zu laufen. Angesichts des Bildes was sich ihm bot: das unwirkliche Licht, das aus einer Unendlichkeit hinter ihr zu kommen schien, einer Tiefe die nicht in der Carta eingezeichnet war, ja, einer Tiefe deren Ende wohl unerreichbar, unmessbar schien, angesicht dieses Bildes wurde er in dieser Sekunde seiner Endlichkeit bewußt.
Erfasste gleich mit seinem letzten Atemzug, daß die Töne, die Geräusche von unzähligen Schlangen die sie umgaben, die sich an ihren Brüsten nährten, die aus ihr herausdrangen, stammten. Sah in das tiefe Rot ihrer Iris, überzog ihre Unfassbarkeit mit einem Blick und sie, die Äonenalte, schloß mit einem kurzen Fingerzeig die Tür hinter ihm und schickte ihre Kinder aus.