Anja Millen

monolog 4:00 am

monolog 4:00 am

ich mag schreien
in meinen lungenspitzen trifft all der schmerz zusammen
ach vielleicht ist es tödlich
vielleicht kann mir irgendwann irgendwer wenn es groß und gewachsen ist
gleich einem bösartigen geschwür
all den schmerz hinaus schneiden
noch größer
wenn es mein inneres überwuchert und es sich nicht nur danach anfühlt
wenn es ist wie es zu sein scheint
wenn ich mir denke dass ich orgiastisch heute nacht noch abdanken werde
wenn ich einfach diesen letzten löffel
dort hinten auf dem kieferntisch
abgebe
für meine kinder
und für die kinder meiner kinder
und für den mann gegenüber der tag und nacht seine küchenlampe brennen hat
und dann nehme ich alles mit
das bild von dir
und das von mir und die vielen möwen über dem pier
dann bin ich eine schaumkrone und spucke schleim
aber wahrscheinlich wird es nicht leise sein
vielleicht werd ich schreien und versuchen es aufzuhalten
ich amputiere mich
den magen und den darm raus gerissen
ich mag nicht mehr all das verdauen
ich mag nicht mehr auf dieses ganze tägliche einerlei scheißen müssen
nur damit ich ihnen zeige das ich nicht dazu gehöre
nicht zu den schweigenden menschen in der straßenbahn in ihren grauen trenchcoats
ihren tropfenden schirmen die weiße kränze auf schwarzen schuhspitzen hinterlassen
wenn die pechfackel mir den mittelalterlichen weg leuchtet
zu meinem scheiterhaufen zu meinem henker
möchte ich schweigen
dann will ich ruhig sein und nicken und wissen
dass man mein fleisch verbrennen kann
aber die geschichte nicht
lach nicht
ich werde keine märtyrerin sein
ich werde jeden verraten um meine kleine viel zu enge haut zu retten
und die meiner kinder
und vielleicht auch die von dem mann gegenüber
der mit der küchenlampe
ich habe dich weinen gehört als du gelesen hast
dass ich mich sterben gelegt habe
und es tat so gut weil ich wusste dass etwas bleibt
auch wenn taubengrosse hageleier die nachrichten füllen
wenn sie das letzte dach über dem kopf eingeschlagen haben
und wir das spätsommerloch mit meiner
schwarzen anzeige gefüllt haben
irgendwo wird ein rest bleiben
von mir
nur dafür lebe ich
doch
und
für meine kinder
und deren kinder
und