Anja Millen

Sklavenmarkt

Sklavenmarkt

Die Menge johlte, als sie aus dem hinteren Reihen nach vorne gezogen wurde.
Kaum nahm sie mehr Gesichter wahr, alles erschien ihr nur noch wie eine breiene Masse aus Farben, Gestank und Schreierei. Hände reckten sich ihr entgegen und aber dutzende von Augenpaaren ließen keinen Fleck ihres Körpers unentdeckt. Ein Ruck an ihrem lose um sie geschlungenen Tuch und sie stand völlig entblößt vor den Männern. Keine Frauen waren zu sehen, außer denen, die ängstlich aneinander gekauert in ihrem Rücken warteten. Der Händler spie fast in die Menge und kniff sie hier und da in ihr weißes, jungfräuliches Fleisch.
Sie wusste was ihr bevorstand, sie hatte die Geschichten oft in ihrem Dorf gehört. Von Sklaven, von Männern wie auch Frauen. Je jünger sie waren, je unversehrter umso einträglicher war das Geschäft mit ihnen. Nie hatte sie der Gefahr wirklich ins Gesicht schauen müssen, bis zu dem Tag als sie sich aufmachte in der Stadt ihre Fische zu verkaufen. Verschleppt hatten sie sie, aus der Schenke hinaus, einfach verschleppt. Sie ahnte nicht einmal mehr wie viele Tage seit dem vergangen waren, wusste nicht wo sie war, ja, hatte fast vergessen in all ihrem Elend wer sie war. Sie hörte noch die mahnende Stimme ihre Mutter nicht alleine loszuziehen, doch da der Vater krank im Bett lag und sie Nahrung brauchten…
Sie hatte Angst, schreckliche Angst, sie sah in den ersten Reihen, zahnlose, faulige Gestalten in edlen Gewändern. Sie wusste dass sie, sie ihrer Jugend berauben würden, solange bis sie ihrer überdrüssig waren, wusste der grausamen Spiele. Dann später würde sie ihr Dasein in schwerster Arbeit fristen, solange bis auch diese Bürde ihr Ende nehmen würde. Viele wurden einfach erschlagen. Es war zu kostspielig eine Ansammlung von alternden Sklaven zu ernähren und pflegen. Manche wurden entlassen aus ihrer Abhängigkeit und konnten dennoch nicht mehr aus eigener Kraft ihr Gefängnis verlassen.
Sie sah in der Ferne wie der fast mädchenhafte Jüngling, der eben noch an ihrer Seite zitterte, von seinem fetten Besitzer davon gezerrt wurde. Der lüsterne Blick in seinen Augen nicht zu übersehen.
Sie wurde fortgerissen als der Händler einen kleinen Ziegenfellbeutel angefüllt mit Münzen in der Hand hielt. Ein enttäuschter Zuschauer des Spektakels der offensichtlich diese Summe nicht halten konnte spuckte sie an. Der Speichel rann über ihre Waden hinab.
In dieser Sekunde begann sie, die zwölf Jahre zählte, auf ihren Tod zu warten.