Anja Millen
Tokyo Decadence
Tokyo Decadence
Bringen wir es hinter uns, seine Stimme klang nüchtern, “lass es uns beenden wie zwei Touristen die im selben Hotel eingecheckt waren und ein, -zweimal gemeinsam gefrühstückt haben, die am letzten Tag einer Urlaubsreise angelangt sind.Ja, dass war typisch für ihn. Distanz.
So hatte Paul sein ganzes Leben strukturiert. Distanziert, klar und sachlich. Warum er ihn seit Jahren geliebt hat, ja, eigentlich immer noch liebte wäre da nicht diese unendliche Leere eines leergefegten Frühstücksbuffet in einem Mittelklassehotel in Mexiko, diese Frage konnte und wird er wohl nie beantworten können.
Steve zuckte mit den Schulter: Wie du meinst, du wirst wissen was gut für uns ist.
Nicht wahr, dachte er, das weißt du doch immer.
Paul sah ihn an so als könne er mit seinen stahlblauen Augen seine Stirn durchleuchten und jeden seiner Gedanken bis in die kleinste Windung seines Hirnes inspizieren: Steve ich bin sicher du verstehst meine Beweggründe. Ich kann mir diese Chance einfach nicht entgehen lassen, ich habe dir nie etwas vorgemacht, du weißt was mir meine Arbeit bedeutet.
Pauls Mine umspielte kurz, sehr kurz nur, einen Zug der Trauer um gleich darauf wieder seiner Maske zu weichen, der Maske die er nur selten, ganz selten bereit war abzustreifen. Nachts, in der Dunkelheit.
Ihre Blicke trafen sich im Spiegel, während Paul langsam und gewissenhaft seine Utensilien von denen Steves trennte. Sein Zino Davidoff Aftershave verschwand in dem braunen YSL Kulturbeutel und hinterließ einen kleinen Kranz auf der grünen Acrylglasplatte. Leere mit Spuren, dachte Steve. Er sah auf sein Ck One das daneben stand, und Einsamkeit.
Paul nahm ein Stück Toilettenpapier und säuberte den Fleck den er hinterlassen hatte. Sauberkeit und Gewissenhaftigkeit lagen ihm im Blut, ab und an konnte er über sein eigenes penibles Verhalten witzeln. Nein, er versuchte es, wenn sie nach aufregenden Stunden gemeinsam im Bett lagen und Steve sich in seine Arme schmiegen wollte, er aber aufsprang um zuerst ein frisches Laken aus dem hochglänzenden Kirschbaum-Highboard zu nehmen. Nicht dass wir uns an den feuchten Fleckchen da erkälten, sagte er einmal mit einem aufgesetzten Grinsen, dem Versuch einer Entschuldigung.
Sie hatten sich vor 3 Jahren kennen gelernt als der neue Dekan ihrer Universität sich vorstellte. Steve saß gelangweilt in dem großen unpersönlichen Saal und zog Fäden aus dem aufgewetzten Stück Jeans über seinem Knie. Ihn interessierte das Blabla recht wenig und hätte es draußen nicht in Strömen geregnet säße er bestimmt nicht auf einem unbequemen Klappstuhl in einem überfüllten, stickigen Raum und würde dem langweiligen Gerede von Professor Parks zuhören. Als die Rede vorbei war, deren Ende in tosendem Getrampel und Beifall unterging, erhob er sich um gleich darauf quer über die Stuhlreihe vor ihm zu fallen.
Oh mein Gott, das tut mir leid, wirklich leid, dass war ein Versehen! Steve sah in zwei wahnsinnig blaue Augen und hörte das Gestammel von Paul McKenzie. Nur beiläufig registrierte er das kleinkarierte Hemd und die Stoffhose. Über seinem verwaschenen T-Shirt breitete sich langsam und warm ein Kaffeefleck aus und verlief nach unten über seine Hose als er aufstand.
Kein Problem, Mann. Doch Paul versuchte unproduktiver Weise mit seinem Stofftaschentuch den Fleck wegzuwischen. Steve registrierte das Monogramm das eingestickt war, den Siegelring am kleinen Finger der rechten Hand von Paul und dann wieder diese unglaublichen Augen. Wenn du mir deine Adresse gibst, lasse ich die Sachen abholen und reinigen.
Paul schien sichtlich beschämt und nervös, schon damals hasste er ungeschickte Vorfälle, geschahen sie in der Öffentlichkeit und wenn er gar der Auslöser war, drohte er die Fassung zu verlieren.
Einige Tage später trafen sie sich durch Zufall beim Verlassen der Bibliothek. Paul hatte etliche Bücher zu einem Turm vor seiner Brust gestapelt und versuchte die Tür hinter sich zu schließen als Steve ihm die Klinke aus der Hand und den Flügel von innen aufriss. Es kam wie es kommen musste,
Bücher von Gropius bis Morris flatterten zu Boden. Nun ist es wohl an mir sich zu entschuldigen, lachte Steve unverkrampft als er das Chaos am Boden sah und eben jenes Lachen ließ Pauls Mine aufhellen und mit einstimmen.
Sie gingen gemeinsam in die Kantine zu einem Kaffee, Steve musterte ihn aus den Augenwinkeln. Er hatte keine Ahnung von Modemarken und dergleichen, sah aber, dass Paul sicher nicht zu der Klasse der armen, eher mittellosen Studenten gehörte. Seine mokkabraune Cordhose und sein naturfarbener Cashmere Pullover, die lässigen und edlen Slipper sprachen eine andere Sprache. Pauls Fingernägel waren säuberlichst abgefeilt und manikürt. Steve versuchte seine hingegen geschickt zu verbergen, die dunklen Ränder wären unübersehbar gewesen. Er hatte sie nicht wirklich gereinigt als er das Labor verließ.
Während ihres Gespräches sah Paul Steve ständig in die Augen, erzählte mit seiner dunklen, warmen Stimme von seinem Architekturstudium und seinem kurz bevorstehenden Abschluss. Er kam in’s Schwärmen und mit jedem weiteren Wort steigerte er sich mehr in den Ausdruck seiner Liebe zu seinem erwählten Beruf. Steve hatte kurz am Anfang erwähnt, dass er Sustainable Resource Management studiere. Paul hatte beiläufig genickt und er war sich nicht einmal sicher ob er es überhaupt gehört hatte, so vertieft war sein Gegenüber in die Faszination von Design, Konstruktion und Planung. Paul versank in seinen Monolog und Steve in Pauls Augen.
Sie verabredeten sich für den Abend, Paul wollte zu Steve um dort gemeinsam zu kochen und anschließend Angst essen Seele auf, zu schauen. Über der Architektur Berlins kamen sie zu Fassbinder und zu dessen Film, Steve nutzte die Chance ihn zu einem DvD Abend einzuladen und Paul nahm an.
Der Abend wurde unterhaltend und Paul sprühte vor Charme. Die Ängste die Steve hatte, da seine Wohnung wohl nicht ganz Pauls Maßstäben entsprach, waren weggewischt. Sein buntes Sammelsurium an Möbeln und wild verteilten Zeitschriften von Comics bis Ökologiemagazinen, schienen ihn nicht zu stören ganz im Gegenteil, Paul schien gelöster und entspannter als bei den beiden Malen die sie sich vorher in der Öffentlichkeit trafen.
Während sie ihre Tagliatelle Verde auf bunten Keramiktellern verspeisten und dabei einen Chianti tranken, erzählte Steve von sich und seiner Kindheit. Paul erwies sich als aufmerksamer Zuhörer und Steve genoss die Aufmerksamkeit. Später dann als der Film lief, dicht nebeneinander sitzend auf der abgewetzten Zweisitzer Ledercouch, war Steve sich sicher, dass er Paul richtig eingeschätzt hatte. Sie kamen sich näher und irgendwann bemerkten sie das Rauschen des Fernsehers, schauten sich an lachten und gingen nebenan in das Schlafzimmer.
Es folgten wunderbare Wochen, Monate. Steve schwebte auf Wolke 7 und genoss jede Minute mit Paul. Dieser verbrachte immer mehr Zeit in dem kleinen Appartement. Nur draußen in der Außenwelt, wie Sie es nannten, schlüpfte Paul in seine elitäre Maske, seinen Anzug aus Noblesse und Adel.
Ein Coming Out war für ihn undenkbar, hätte in seiner Welt den sicheren Untergang bedeutet und damit auch den Abbruch einer erfolgreichen Karriere noch ehe sie begonnen hatte. Paul erstarrte jedes Mal zu einer Salzsäule wenn Steve ihm in der Uni begegnete und ihm im Vorübergehen einen Kuss zu hauchte. Steve amüsierte das und er neckte ihn damit. Abends dann ließ Paul seine Anspannung und Angst in wilden orgiastischen Szenen heraus.
Sie wollten soviel Zeit wie möglich miteinander verbringen und es wurde immer schwieriger, es war nicht genügend Platz bei Steve. Nicht möglich für Paul seine Modelle zu bauen, er hatte es auf dem Boden versucht und Steve war in einem unachtsamen Moment darüber gestolpert und hatte die Arbeit von 2 Wochen zunichte gemacht. Immer häufiger drängte Paul darauf, dass er zu ihm ziehen solle. Er sah darin auch kein Erklärungsproblem für die Anderen, die in der Außenwelt. Eine WG halt.
Steve zögerte, er hatte kein gutes Gefühl dabei, er wollte seine kleine Höhle nicht verlassen, stellte fest das er noch nicht einmal in all der Zeit Pauls Wohnung zu Gesicht bekommen hatte. Doch Paul blieb hartnäckig, kam, um seinen Ärger über sein Widerstreben zu zeigen, seltener zu Steve, und dieser kapitulierte schließlich.
So zog er mit seinen Koffern und Büchern, seinen Comicheftchen und Pflanzen, seinen bunten Topflappen und Joan Baez LPs zu ihm. Paul wohnte in einem großzügigen Loft, stilsicher und klar strukturiert, hier Breuer da Corbusier, staubfrei und nüchtern. Erhellt von Wagenfeld Leuchten und an den Wänden László Moholy-Nagy, Kinetisches konstruktives System.
Steves Pflanzen kämpften so wie er, und gingen nach einigen Monaten ein.
Die gemeinsamen Abende wurden immer seltener, obwohl doch nun, wo sie zusammenwohnten das Gegenteil der Fall hätte sein sollen. Paul beendete sein Studium und begann in einem renommierten Architekturbüro zu arbeiten. Er lebte seinen Traum mit dem gleichen Egoismus und der Selbstverständlichkeit mit der er in der Dunkelheit seinen Armani Anzug auszog um in dreckigen Bukowski Träumen mit Steve zu versinken.
Steve brach sein Studium ab, Ökologie war ihm mittlerweile so weit entfernt, dass er zweifelte jemals wirklich daran geglaubt zu haben. Er lebte in den Tag hinein, zog mit seiner von Paul geschenkten Kameraausrüstung durch die Straßen und entwickelte abends in der kleinen Abstellkammer, die er umgebaut hatte, seine Bilder. Bilder von Leben und Liebenden. Von Paaren die durch Parkanlagen turtelten und ausgelassen in dem von Pauls Firma entworfenen Springbrunnen auf dem großen Platz am Markt rumalberten. Er hoffte darauf, dass Pauls berufliche Sturm und Drangzeit abebben würde, genauso vergebens wie darauf seine Topflappen wieder zu finden in den Vitrinen mit Hutschenreuther Porzellan.
Er wollte seine Liebe nach außen schreien, doch alleine der Gedanke daran wurde in seinem Bauhausgefängnis empört erstickt.
Dann kam der Tag an dem Marina in Steves Leben trat, eine Kollegin von Paul. Sie arbeitete in Tokio und war zu Besuch in Berlin. Paul stelle Steve als seinen Mitbewohner vor als sie zum Abendessen eintraf. Der Abend war geprägt von moderner japanischer Architektur, Stadtplanung und dem Einfluss von kulturellen Traditionen auf die Bauentwicklung. Paul war ein vorzüglicher Gastgeber und ignorierte Steve mehr oder minder, der aus Trotz seine alten Jeans und einen noch älteren Sweater angezogen hatte. Später als sie nackt nebeneinander im Bett lagen, erzählte Paul von seiner Chance das Büro in Tokio zu übernehmen. Steve war begeistert und freute sich aufrichtig über die Möglichkeit die Paul geboten wurde und begann bereits den bevorstehenden Umzug zu planen. Paul setzte sich auf und, gegen sein eigenes Gebot im Schlafzimmer nicht zu rauchen, zündete er sich eine Nil an. Es ginge nicht, meinte er, dass Steve mitkommen könne. Gerade in Japan und dann noch als Europäer, müsse mehr als nur ein Schein gewahrt werden. Er habe sich in den letzten Monaten häufig mit Marina unterhalten und sie hätten so viele Gemeinsamkeiten und nachdem sie sich nun einige Male getroffen hätten, würde er wohl vorerst in Tokio zu ihr ziehen. Nein, er liebe sie nicht und dennoch wäre eine zukünftige Hochzeit mit ihr ein gutes Standbein für seine weitere Zukunft. Die Studienzeit sei nun schon länger vorbei und irgendwann würde es auffallen das sie, Steve und er, immer noch unter einem Dach wohnen würden, anstatt jeder eine Familie oder wenigstens eine eigene Existenz aufbauen würde.
Paul sprach ununterbrochen, bot Steve an die Wohnung weiter zu finanzieren und ihm eine ansprechende Apanage monatlich zukommen zu lassen. Beschwichtigte mit dem Gedanken, dass er mehrfach im Jahr nach Berlin käme und dann ja noch ein Bett zur Verfügung hätte. Und mich … ergänzte Steve in Gedanken.
Ich rufe dich an wenn ich in Tokio angekommen bin, Paul drehte sich in der offenen Tür um, ging einen Schritt auf Steve zu. Er nahm ihn in den Arm und seine Lippen berührten Steves. Danke, dass du mir keine dieser entsetzlichen Szenen machst und danke für dein Verständnis. Seine Augen blickten an ihm vorbei und Steve sah das Blau darin in weiter Ferne.
Viel Erfolg, Paul.
Die Tür fiel leise klickend in das Schloss.
Steve ging zur Küche, nahm eine der viereckigen Kaffeetassen und stellte sie unter die Maschine. Das Mahlwerk ratterte und er bemerkte, in all seiner Leere, das er vergessen hatte zu fragen wohin Paul seine Topflappen verstaut hatte.
© Anja Millen
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