Anja Millen

Unterdruck

Unterdruck

Teil I - Annäherung

Das Atmen ist widerlich. Gleichmäßig, wie eine Maschine, dringt es in mein Ohr. Meine Hand zittert als ich den Hörer auflege. Am Anfang habe ich noch versucht zu reden. Erst mit leiser dann mit lauter Stimme. Habe geschrien. Wütend, verzweifelt. Seit Tagen war ich nur noch still. Halte die Luft an, um dieses laute Atmen, nicht zu unterbrechen. Am Morgen, kommen mir die letzten Stunden immer unwirklich und verschwommen vor. Morgens lässt er mich in Ruhe. Seine Anrufe kommen immer nur in der Nacht. Immer dann, wenn ich am einschlafen bin. So als würde er in mein Zimmer, in mein Bett sehen. Heute war es anders. Er wollte nicht verschwimmen. Nicht nur Teil meiner Nacht sein.

Mein Blick fällt auf die Uhr. Ich bin spät dran. Die U-Bahn ist, wie jeden Morgen, überfüllt mit müden, schweigenden Menschen. Ich finde einen freien Sitz und entspanne etwas. Der monotone, gleichmäßige Klang des fahrenden Zugs übertönt das Atmen in meinem Ohr. Der Mann gegenüber scheinbar in seine Zeitung vertieft, ohne dass sich seine Augen bewegen. Er erweckt meine Aufmerksamkeit. Vergangenes aufwühlen. Das Gesicht reflektieren. Nein, ich kenne ihn nicht. Nicht ihn und nicht den Mann daneben. Fast panisch studiere ich die Menschen vor mir, neben mir, so als werde ich gleich auf das Gesicht stoßen, das zu dem Atem in meinem Ohr passt. Der Zug hält und erleichtert dränge ich mich zum Ausgang. Ich will nicht verrückt werden. Nicht heute.
Nach ein paar Stunden habe ich die Nacht, den Morgen und das schwere Atmen zur Seite geschoben und fast vergessen.

Ich rieche dich. Ich habe dich bereits gerochen als du das Haus verlassen hattest und ich noch an der Ecke versteckt im Halbschatten eines heruntergekommenen Hauseinganges stand. Sicher hast du geduscht, das heiße Wasser wie es über deine Haut strömte, hast dein Duschgel benutzt das du gestern in der Parfümerie gekauft hattest.
Ich folge deinem Geruch. Dir.
Nun sitzt du vor mir, ich sehe wie sich einige widerspenstige Haare aus dem Knoten lösen, den du dir geschickt zusammengewickelt hast, mit deinen zartgliedrigen Fingern, deinen blass rosé lackierten Fingernägeln.
Dein zartes Parfum strömt in meine Nase, ignoriert all diese Gerüche um uns herum. Ich sauge dich ein. Du bist nervös, sagt dein Duft. Gleich einem hauchdünnen Nebelfilm legt sich dein Schweiß, deine Angst über meine Sinne. Du machst mich an, Miststück.


Der Tag ist anstrengend. Keine Zeit nachzudenken. Mit Mühe schaffe ich es ein Taxi zu bekommen und pünktlich im "Kicho" zu erscheinen. Karin, passend in Grün und Gerd in gedämpftem Schwarz. Sie haben beide dieses Gewinnerlächeln im Gesicht, was vermutlich auf den Tisch zurückzuführen ist. So etwas wie ein Hauptgewinn, und die Frage, wie lange sie im Voraus reserviert haben, stelle ich lieber nicht. Der Zeitgeist verlangt Umdenken, selbst bei Karin. Eine Tischreservierung für Fastfood hat mittlerweile auch bei Lehmanns Einzug gehalten.

Ich werde überschwänglich begrüßt und ich werde dieses Gefühl nicht los, dass Karin ihr Kleid auf Seetangblätter abgestimmt hat, von dem lachsroten Lippenstift mal ganz zu schweigen. Auch wenn beide hin und wieder ziemlich elitär wirken, sie gehören seit Jahren zu meinem engeren Freundeskreis. Es wird ein schöner Abend. Keine Gefahr. Nicht in diesem Restaurant. Er ist soweit weg, dass ich seinen Atem nicht mehr hören kann.

Als ich Stunden später das "Kicho" verlasse, regnet es in Strömen. Ich sehe das Taxi an der gegenüberliegenden Straßenseite. Hinter mir kommen Leute aus dem Lokal. Lachen, Stimmen. Ich winke dem Taxi, die Menschen sind hinter und neben mir und plötzlich ist da diese Hand in meinem Nacken. Der Regen klatscht in mein Gesicht und ich kann mich nicht mehr bewegen. Eine Frau stößt mich an. "Entschuldigung". Das Taxi ist da. Die Hand ist weg, mein Hals brennt. Ich drehe mich um. Nichts. Die Leute sind schon weiter gegangen. Ein paar Sekunden nur. Während ich in die Polster des Taxis falle bin ich mir sicher, dass ich mich getäuscht habe. Da ist keine Hand gewesen. Ich bin müde und will nach Hause.

Ich hasse es, wenn du deine Abende nicht zuhause verbringst. Du verärgerst mich, willst du das wirklich? Ich hasse Sushi, den Geruch von Fisch der in der Luft hängt, mich auf widerliche Art betäubt. Das wirst du mir büßen.

Diese schreckliche Person dir gegenüber mit ihrem lauten dümmlichen Lachen. Uninteressant genau wie ihr Partner, der ihr ständig mit seiner fleischigen Hand das Knie betätschelt. Das sind deine Freunde? Du scheinst dich zu amüsieren, zwischen den Gängen rauchst und lächelst du. Der Spiegel an der Wand verzerrt ein wenig deine Konturen, doch es genügt zu sehen. Dich zu sehen.
Wie lange Du wohl noch zum bezahlen brauchst, du lässt mich im strömenden Regen, mit Absicht warten, da bin ich sicher. Ah, da kommst du, immer noch ein Schmunzeln um deine roten Lippen. Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund …

Ich kann dich wieder riechen, über den nassen Asphalt hinweg bis hierher in meine Arme.
Jemand hat dich angerempelt und ich sehe dein Zucken, die Angst wie sie in deinen Augen aufblitzt. So ist brav, denk an mich. Denk immer an mich. Ich will dass deine Tage, deine Nächte von nichts anderem mehr bestimmt sind.
Los! Fahr nach Hause, ich werde auf dich warten, du wirst das kleine Geschenk lieben, das vor deiner Tür liegt. Ein Strauß Rosen, du wirst an diesen aufdringlichen Kerl aus deinem Büro denken, dein Herz wird vor Freude hüpfen, Schlampe. Ich werde unten stehen und die Sekunden bis zu deinem spitzen Schrei genießen, wenn du die Maden erkennen wirst, wie sie sich um meine Liebesgabe winden.


Der Regen hat etwas nachgelassen, als ich das Taxi verlasse. Die Glasfront des Appartementhauses ist hell erleuchtet. Während ich auf den Aufzug warte, fällt mein Blick auf die zwei Kameras im Eingangsbereich. Irgendwie habe ich sie noch nie richtig zur Kenntnis genommen. Ich drücke auf die Zehn und der Aufzug bewegt sich nach oben. Rosen liegen vor meiner Eingangstür. Dunkelrote, langstielige Rosen, irgendwie ästhetisch verpackt unter glänzendem, Cellophanpapier. David. Sie konnten nur von David sein. Ein fast betörender Duft steigt in meine Nase und zum ersten Mal seit Tagen, geht es mir wieder richtig gut. Die Karte werde ich nachher lesen. Zuerst will ich unter die Dusche. Alles abspülen. Ich lasse heißes Wasser über meinen Nacken und das Gesicht laufen. Minutenlang. Bis mich das Klingeln des Telefons aus meinen Gedanken reißt. Zurück in die Realität. Kälte kriecht an mir hoch. Ich lasse es klingeln. Nicht jetzt. Ich erkenne meine Stimme auf dem Anrufbeantworter und warte. Halte die Luft an. Es ist David. Ich werde ihn nachher zurückrufen. Ich trockne mich ab und will seine Karte lesen. Ich nehme die Rosen in den Arm und entferne vorsichtig das Papier. Drücke mein Gesicht in die Blüten, in diesen betörenden Duft. Die Blumen bewegen sich. Ergießen sich, werden lebendig. Ich starre auf meine Hände, die voller kleiner, weißer Maden sind. Spüre das Krabbeln in meinem Gesicht. Der Ekel erfasst mich mit solcher Gewalt, dass ich los schreie, als könnte ich alles rückgängig machen. Die Rosen fliegen durch die Luft und landen verstreut auf dem dunklen Parkettboden. Das Klingeln des Telefons macht das Chaos perfekt. David. Ich reiße den Hörer von der Gabel. Fahre mit einer Hand durchs Gesicht. Versuche die Maden abzuschütteln. Zittere. "David, bitte hilf mir". Ich lausche angestrengt "David?" .... dann höre ich das Atmen. Gleichmäßig, laut und beängstigend. Das Telefon fällt aus meiner Hand. Tränen laufen über mein Gesicht. Ich setz mich in die Ecke des Wohnzimmers auf den Boden und zum ersten Mal in meinem Leben habe ich richtige Angst.


David? Nein Süße ich bin es doch. Meine Rosen sind es, meine. David kann dir nicht helfen. Ich - vielleicht. Ich höre dich wimmern, du hast mich zu Boden geworfen. Ich kann dein Gesicht sehen, du weinst. Ja weine. Ich mag es wenn du weinst, schluchzt, das hast du verdient, nicht wahr?
Du hast es doch verdient? Der Duft der Rosen, wie er sich mit dir mischt, les Fleurs du mal
Ich kann nicht auflegen, zu entzückend der Klang deiner erstickten Stimme, viel besser noch als dein nächtliches, verschlafenes: Hallo?

Mir ist heiß, ich werde nun schlafen gehen, Baby. Ich werde dich mitnehmen, deine Panik wird mein Wiegenlied sein. Schau dein seidenes Nachthemd liegt schon auf meinem Bett.
Ich habe es dir entrissen, unten im Keller. In mitten all der anderen Wäsche habe ich dich gefunden. Ich weiß, du hast es für mich dorthin gehängt. Silbern, matt glänzend an mich geschmiegt. Morgen, morgen werde ich dich besuchen - vielleicht.




gewidmet chrissie